Schulbildung heute

Die Situation der Oberschule in Deutschland gestern, heute und morgen aus der Sicht früherer Domgymnasiasten
(Abi-Jahrgang 1961).

Inhalt:

1. Einleitung

2. Kennwerte

3. Bewertung

4. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis

5. Schulgeld, Bafög

6. Verkürzung der Schulzeit

7. Leistungsnachweise, numerus clausus

8. Spezialisierung oder Allgemeinbildung

9. Begabtenförderung, Eliteschulen

1. Einleitung

Jetzt ist es 40 Jahre her, dass wir am Domgymnasium in Verden unser Abitur machten. Wir, das sind 17 ehemalige Schüler (damals 19), denen später Schulprobleme meist über ihre Kinder begegneten. In vielen Medienberichten ließ sich außerdem die Entwicklung des Schulsystems in Deutschland aus der Distanz verfolgen. Ein kleiner Kreis der damaligen Abiturienten versucht hier, aus seinen Erfahrung im Vergleich der damaligen mit der heutigen Schulsituation anzustellen und plakative einige Gedanken zu äußern.

Keinesfalls erheben wir den Anspruch, fundiert und gründlich vorgegangen zu sein, liefern auch nicht im entferntesten eine vollständige Darstellung, die wissenschaftlichen Maßstäbe genügen kann. Aber aus der eigenen Schul- und späteren Berufserfahrung drängen sich Vergleiche auf, scheinen gewonnene Einsichten bedroht.

 Außerdem sind es natürlich Gedanken, die nicht ganz neu sind, auch andere teilen sie.

2. Kennwerte

Einige Vergleichsdaten sollen auf gravierende Veränderungen hinweisen.

 2.1 Zahl der Abiturienten

1961 6% der Schüler

1998 27% der Schüler

 2.2 Größe der Bevölkerung

1961 73,3 Millionen

1999 82,2 Millionen

 2.3 BIP (Brutto-Inlandsprodukt)

 1961 3.758 Mio. DM

 1998 332.000 Mio. DM (nicht inflationsbereinigt)

3. Bewertung

Ja, mehr Schüler erreichen einen höheren Schulabschluss; das ist auch grundsätzlich gut so.

Ja, die Deutschen sind wohlhabender geworden; das ist auch gut so.

Nein, das Ausbildungsniveau der höheren Schulen ist nicht gestiegen; es ist gesunken; das ist nicht gut so.

Nein, im europäischen und im weltweiten Maßstab reicht ein auf niedrigem Niveau verharrendes Schulsystem nicht aus, um mit Spitzenleistungen anderer Staaten konkurrieren zu können. Das müssen wir aber, um als Exportland unseren Wohlstand zu sichern.

Das soll plakativ den folgenden Betrachtungen vorangestellt sein.

4. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis

Wie hatten wir es erlebt? Lehrer waren Respektspersonen (der eine mehr, der andere weniger!). Die biologisch bedingte Distanz zwischen jung und alt, zwischen Erfahrenen und Nachwachsenden, zwischen Wissensvermittlern und Wissen Suchenden war traditionsgemäß gegeben. Autoritäre Übertreibungen konnten diese Regeln nicht grundsätzlich erschüttern.

Was sehen wir heute? In dem Bemühen, falsch verstandene Autorität abzubauen, gingen die Lehrer nicht nur verständnisvoller als früher auf Belange der Schüler ein, sondern übertrieben das, indem sie sich als ”Kumpel” aufführten, zum Teil die Schüler auch dazu aufforderten, sie zu duzen.

Es scheint sich manchmal zu zeigen, dass die Schüler gerade in der heutigen Zeit die Vorbildfunktion des Lehrers vermissen, von ihm aufgrund seiner größeren Lebenserfahrung und seines Wissens Orientierungshilfe erwarten. Sie akzeptieren hier richtig verstandene Autorität. Die finden sie aber nicht beim Lehrer, der sehnsüchtig auf das Ende der Schulstunde und seine Ferien wartet und dies den Schülern noch zu erkennen gibt.

5. Schulgeld, Bafög

Wie hatten wir es erlebt? Noch Anfang der 50-er Jahre mussten die Eltern für ihre Kinder an höheren Schulen Schulgeld zahlen. In den folgenden Jahrzehnten war dann häufig von manchem zu hören, dass er wegen des Schulgeldes nicht eine höhere Schule besuchten konnte. Hier muss aber einschränkend darauf hingewiesen werden dass Eltern, die ernsthaft an der Weiterbildung ihrer Kindern, sofern sie begabt waren, interessiert waren, dies auch schafften. Außerdem konnten sozial schwächere Familien vom Schulgeld befreit werden.

Was sehen wir heute? Heute gibt es keine Schulgeldregelung. Es darf auch künftig keine geben. Ein Schüler-Bafög für finanziell weniger bemittelte Familien wäre denkbar. Bei den Studenten gab es in den fünfziger bis in die siebziger Jahre die Förderung nach dem Honnefer Modell mit sozialen und leistungsbezogenen Komponenten. Ein Teil wurde als Darlehen gewährt.

Es folgte die Bafög-Regelung. Die sollte natürlich erhalten bleiben. Aber der Anteil, der als Darlehen vergeben und später zurückzuzahlen ist, sollte erhöht werden. Das würde auch zu einem intensiveren  Studium anregen. 

6. Verkürzung der Schulzeit

Wie hatten wir es erlebt? Der Bildungsgang war vorgezeichnet. Abitur nach der 13. Klasse, Hochschulreife als Eintrittskarte für das Studium. Daneben gab es aber immer schon den zweiten Weg für Spätentwickler. Nach bestandenen Examen konnten wir davon ausgehen, dass wir einen unserer Ausbildung und unseren Neigungen gemäßen Berufsweg einschlagen konnten.

Was sehen wir heute? Die Anforderungen, die das Leben und der Beruf stellen, sind nicht geringer geworden. Aber die Qualität der vermittelten Grundlagen und die Vielseitigkeit der an den höheren Schulen aufgenommenen Lehrstoffe sind gesunken. Nach bekannten einschlägigen Studien belegt Deutschland nur einen unteren Mittelplatz hinsichtlich des Bildungsgrades unter vergleichbaren Staaten. Es ist ein Irrtum zu glauben, man müsse viele Abiturienten mit mäßigen Kenntnissen heranziehen. Sicher ist es erfreulich, wenn viele Schüler den Bildungsweg an einer höheren Schulen wählen. Aber überdurchschnittlich lernfähige Schüler müssten auch besonders gefördert werden. Man muss den Einheitsbrei mit Rosinen versehen. Andere europäische und außereuropäische Länder haben in Schule und Studium eine Begabtenförderung, offensichtlich nicht zu ihrem Nachteil. Das sind alarmierende Zeichen. Sie können immer weniger von bestimmten deutschen Landesregierungen mit dem unbeirrbaren Hang zur flächendeckenden Ausdehnung von Gesamtschulen außer Acht gelassen werden. Das Reden von der ”Spaß-Schule” führt in die Sackgasse, Einheitsbrei ohne Rosinen schmeckt auf die Dauer nicht.

7. Leistungsnachweise, Numerus clausus

Wie hatten wir es erlebt? Aufnahmeprüfung für die höhere Schule, Zeugnisse, Abiturzeugnis, eventuell Numerus clausus, an der Hochschule Vorexamen, Klausuren, Examensprüfungen, Diplom- oder Examensarbeit, eventuell anschließende Promotion .

Was sehen wir heute? Das Gerüst ist so geblieben, aber die Aufnahmeprüfungen sind weitgehend entfallen. Lehrerempfehlungen und Elternwille sind an ihre Stelle getreten. Chancengleichheit ist unverzichtbar, aber mangelhafte Auswahl und fehlender Nachdruck führen in der Folge zur Absenkung des Bildungsniveau. Es werden keine kraftvollen Anreize gesetzt, die Erfolgsorientierung der Schüler nimmt ab

Anscheinend beginnt das Pendel zurückzuschwingen. Immer mehr Schüler vermissen eine ernsthafte Unterstützung durch Eltern und Lehrer, die Spaßschule vermittelt das Bewusstsein, man könne so mittreiben, es wird sich schon alles regeln, nur keine Anstrengungen.

Wir müssen ein flexibles, durchlässiges Stufensystem - einer Pyramide vergleichbar - mit verbindlichen Leistungsanforderungen und -nachweisen haben. Es kann nicht auf die Erfolgskontrolle durch ernst zu nehmende Benotung verzichtet werden. Auch die Aufnahmeprüfung, in welcher Form auch immer, wählt nach der vierten Klasse die erhöht lernfähigen und -willigen Schüler aus. Spätentwickler können - wie früher auch gehabt - in der 7. Klasse zum Beispiel nachsteigen. Auch später ist es noch möglich, in Abendschule oder Fernunterricht verpasste Qualifikationen nachzuholen. Warum keine Aufnahmeprüfung an Hochschulen durch die Hochschulen, die sich ihre Studenten selbst aussuchen könnte? Auf diesem Gebiet tut sich schon etwas, wenigstens gedanklich, und indem überholte Ideologien überwunden werden. Das System von Leistungsnachweisen sollte sich bis zum Examen fortsetzen. Bummelanten, ewige Studenten auf Kosten der Allgemeinheit sind nicht tragbar.

Der Numerus clausus ist ein Ausleseinstrument, über dessen Wert man streiten kann. In manchen Fächern erhielt ein Schüler mit guten Abiturnoten keinen Platz an der Hochschule, in anderen Fächern gab es keine solchen Zugangsbeschränkung. Ein plakatives Beispiel: nicht derjenige konnte Medizin studieren, der den Heilberuf als Dienst an Mitmenschen betrachtete und dazu emotionale Kompetenz mitbrachte, sondern der Einser-Schüler, der Medizin studieren wollte, weil er hier das Tor zum sozialen Prestige und zum großen Geldverdienen sah. Das wurde hier ”cum grano salis”, also mit kritischer Einschränkung angeführt.

8. Spezialisierung oder Allgemeinbildung?

Wie hatten wir es erlebt? Breite Streuung der Fächer, zwar in Haupt- und Nebenfächer unterteilt, keine Möglichkeit, unbequemen Fächern auszuweichen. Ziele der höheren Schule waren, Allgemeinbildung zu vermitteln, Wissen weiterzugeben, Befähigung zum selbständigen Lernen zu entwickeln. Die Erziehung zur Kritik war nicht so stark ausgeprägt. Wissen wurde in der Form vermittelt, dass es im Grunde nicht in Frage gestellt werden konnte, Abweichungen, eigene Ideen wurden nicht immer von den Lehrern honoriert.

Was sehen wir heute? Mit den Jahren erhielten die Schüler eine immer stärkere Wahlmöglichkeit zwischen Fächern und Abwahlmöglichkeiten unbequemer Fächer. Das führte dazu, dass die Schüler Deutsch, Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer vernachlässigten, weniger ”Lern-” mehr ”Diskussionsfächer” wählten. Projekte sollen die Verbindung zur Praxis herstellen.

Allmählich dämmert es auch manchem 68-er Ideologen. Beherrschung der deutschen Sprache und stärkere Hinwendung zu Naturwissenschaften schaffen die notwendigen Voraussetzung für später erfolgreiches Lernen und Arbeiten Auf der Schule müssen solide Grundlagen gelegt werden. Die Spezialisierung kann auf der Hochschule beginnen, wobei aber auch hier ein breites Grundwissen unverzichtbar ist. Die weitergehende Spezialisierung kann dann in den ersten Berufsjahren erfolgen.

9. Begabtenförderung, Elitebildung

Schulen mit bestimmten Schwerpunkten gab es schon immer. Am Domgymnasium zum Beispiel hatten wir die Trennung in altsprachlichen Zweig und mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig.

Durch eine verhältnismäßig strenge, aber angemessene Benotung von Leistungen bestand die Möglichkeit, sie zu differenzieren. Es gab an unserer Schule selten eine Eins für ein Hauptfach im Zeugnis. Unsere Generation war nicht dümmer als die heutige. Ganz im Gegenteil, wir mussten uns höheren Anforderungen stellen. Aber eine Eins war der wirklich überdurchschnittlichen Leistung vorbehalten.

Was sehen wir heute? Schwierige Fächer wie Deutsch, Latein, Mathematik, Physik, können abgewählt werden. Gesamtschulen tragen dazu bei, Ansprüche und Leistungen zu nivellieren. Begabte werden unterfordert. Die Weiterentwicklung begabter Schüler wird sträflich behindert, weil sie in dem Mittelmaß um sie herum keine Anreize zu höherer Leistung sehen . Hoffentlich gibt es bald ernsthafte Bestrebungen, verstärkt Schulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und höheren Anforderungen zu schaffen, um das Reservoir der höher Begabten auszuschöpfen.

Besonders bei den sogenannten ”progressiven” Kräften war lange Jahre der Begriff ”Elite” verpönt und ist es oft noch heute. Zugegeben, elitäres Bewusstsein im falsch verstandenen Sinn von arroganter politischer, wirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Cliquenbildung wollen wir nicht haben, aber Eliten als Auslese der Begabten, die ihre hervorragenden Gaben auch zum Wohle der Gesellschaft einsetzen wollen, benötigen wir dringend.

Der Ausleseprozess soll natürlich nicht schon im Kindergarten beginnen. Aber auf der höheren Schule sollte den Begabten Wege gewiesen werden, ihre Fähigkeiten freizulegen und kräftig zu entwickeln. Logischerweise muss dieser Weg auf besonders qualifizierten Universitäten fortgesetzt werden. Hier nur der Hinweis auf französische, englische und amerikanische Beispiele, die aber mit ihren Vor- und Nachteilen nicht blind übernommen werden müssen.

© Ulrich Kohlstädt 2012