Hubschrauber

8. Der hilfreiche Hubschrauber

Abitur, Prüfungszeit, Klausuren. Wir konnten nach der 12. Klasse wählen, (aber nicht abwählen wie heutzutage), ob wir Physik, Chemie oder Biologie vertiefen, um in einem dieser Fächer unsere Abiturarbeit zu schreiben. Wer sich für Biologie bei Studienrat Rudolf "Rudi " Beuthel entschieden hatte, saß also im Januar 1961 in einem Klassenraum, dessen Fenster auf unseren Sportplatz blickten. Wie das Thema der Arbeit lautete, hat inzwischen den Speicher unseres Gedächtnisses verlassen.

Im Laufe der analytischen Überlegungen kam bei jedem Prüfling insgeheim der Wunsch auf, seine Vermutungen und Ergebnisse mit denen der anderen zu ver-gleichen. Bis auf Bruchstücke eines Meinungsaustausch , der von" Rudi " allerdings nicht mit äußerster Härte unterbunden wurde, schmorte jeder im eigenen Saft.

Es herrschte also Gesprächsbedarf . Wir mussten aber davon ausgehen, dass wir bis zum Ende der Arbeit allein weiterwursteln mussten. Da geschah das völlig Überraschende, das Unfassbare. Motorenlärm näherte sich draußen, schwoll an, dröhnte über den Sportplatz. Ein Hubschrauber kurvte langsam herein, verhielt eine Weile über dem Platz und setzte dann zur Landung an.

Wie auf ein Kommando sprangen alle an die Fenster, auch "Rudi". In dem willkommenen Durcheinander tauschten wir eifrig und eilig unsere Ergebnisse aus. " Rudi " stand hilflos mitten im Raum, hob flehend die Hände und rief: " Kinder, das geht doch nicht, setzen Sie sich wieder hin. " Es dauerte natürlich eine Weile, bis alle ihren Informationshunger gestillt hatten und mit neuen Erkenntnissen versehen wieder über ihrer Arbeit saßen. Ein unglaublicher Zufall war uns zu Hilfe gekommen.

Soweit wir wissen, war vorher und wohl auch lange Zeit danach nie ein Hubschrauber auf unserem Schulsportplatz gelandet. Ob es ein Notfall oder ein vorgesehener Übungsflug war, ist uns heute nicht mehr bekannt.

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© Ulrich Kohlstädt 2012